Sozialverhalten in Online-Communities – ein Praxisbeispiel

Auf dem Weg ins Wochenende hat mich eine Geschichte aus der letzten Woche beschäftigt: Im Rahmen einer für die Mitglieder vollständig kostenfreien und ohne Gewinnabsichten betriebenen Community wird ein Teil der Inhalte vor der Veröffentlichung von einem Moderator überprüft.

Anfrage eines Mitglieds: Die Überprüfung meiner Inhalte dauert viel zu lange, was früher Minuten gedauert hat, dauert heute Stunden.
Moderator: Wir bemühen uns um eine schnellstmögliche Freischaltung. Da wir dies alle ehrenamtlich machen, kann es durchaus einmal zu Verzögerungen von einigen Stunden kommen.
Mitglied: Da ihr die ehrenamtliche Tätigkeit ja freiwillig macht, braucht ihr euch auch hinterher nicht darüber zu beschweren!

Auch wenn ich dem in letzter Zeit wieder häufiger zu lesenden Schlagwort „Kostenlos-Kultur“ nur bedingt etwas abgewinnen kann, ein großer Teil der User einer Online-Community „investiert“ ja auch eine nicht unbeträchtliche Menge an Zeit, stellt man sich in Anbetracht dieses Disputs doch die Frage: Wie viel versteht der Durchschnittsbenutzer von der Funktionsweise einer Online-Community bzw. wie viel will er davon verstehen? Ob im „realen Leben“ ein Vereinsmitglied dem Vorstand sagt, er solle sich aufgrund des selbstgewählten Schicksals nicht so anstellen und lieber schneller Arbeiten, wage ich eigentlich zu bezweifeln.

Dass Social Networks in vielen Fällen ein Abbild der Gesellschaft sind, ist hinlänglich bekannt. Was mich interessieren würde: Gibt es Untersuchungen dazu, ob sich das Sozialverhalten einzelner Mitglieder im Rahmen einer relativ offenen Community, sprich die Mitglieder verwenden zu großten Teilen ihren Klarnamen, signifikant von deren Sozialverhalten im realen Leben unterscheidet?

12 Gedanken zu „Sozialverhalten in Online-Communities – ein Praxisbeispiel“

  1. „Gibt es Untersuchungen dazu, ob sich das Sozialverhalten einzelner Mitglieder im Rahmen einer relativ offenen Community, sprich die Mitglieder verwenden zu großten Teilen ihren Klarnamen, signifikant von deren Sozialverhalten im realen Leben unterscheidet?“

    So eine Untersuchung ist mir nicht bekannt. Ich würde diese These aber spontan auch nicht stützen wollen, immerhin widerspräche sie den gängigen Annahmen, dass gerade die Anonymität den Rollen- oder Verhaltenstausch beflügelt. Eine derartige Untersuchung wäre auch sicher etwas schwierig, da bekannt ist, dass Menschen bei Umfragen eher dazu neigen, sich besser darzustellen.

  2. Gerade die Abweichung von der von dir angesprochenen gängigen Hypothese hat mich auch verwundert. Daher auch die Frage, ob es bereits Erfahrungswerte in dieser Richtung gibt. Denkbar wäre natürlich auch, dass es bei dem oben geschilderten Praxisbeispiel um einen Einzelfall handelt oder das Mitglied auch im realen Leben vergleichbar reagiert hätte.

  3. Die Armleuchterquote ist eben überall gleich hoch 🙂

    Abgesehen von den gruppenimmanenten Verhaltensweisen wie der Entwicklung eigener Symbole (Meme, Slang, Witze, …) glaube ich nicht, dass sich Menschen online großartig anders verhalten als offline. Vielleicht wird hier und da geflunkert, um sich besser darzustellen, aber selbst das wird so ein Mensch auch offline tun, wenn er die Möglichkeit dazu hat.

    Ein schneller Blick „in den Döring“ und ein paar andere Standardwerke zum Thema brachte nichts zum Vorschein, dass die These stützen würde, Menschen verhielten sich online völlig anders als offline. Vielleicht ist das aber auch eine Fehlinterpretation aufgrund der Tatsache, dass man online andere Dinge tun kann als offline. Aber das man es anders macht, glaube ich nicht. Auf deutsch: Depp ist Depp 🙂

  4. Hab nochmal im Bücherregal gewühlt und hatte zumindest einen Teilerfolg. Glücklicherweise ist „Grenzen vitueller Gemeinschaft“ (Stegbauer, Christian), bei Google Scholar indexiert. Auf Seite 18 wird da auf das scheinbare Problem der Selbstentgrenzung verwiesen (Thiedke, Udo: Virtuelle Gruppen). Blättert mal hier auf Seite 27. Es wird behauptet, das Anonymität und Pseudonymität die Überschreitung sozialer Grenzen begünstigt.

    Was haltet Ihr davon?

    PS: Scholar und Amazon ftw 🙂

  5. Ja, schrieb ich doch, ich dachte allerdings dass nicht nur der Stegbauer sondern auch andere das geschrieben haben. Hab allerdings keine Literatur zuhause – die Döring ist toll, aber eben auch teuer 😉

  6. Sollte es eine solche Untersuchung geben, würde mich das Resultat auch ziemlich interessieren. Ich glaube schon, dass das Sozialverhalten in einer Online Community dem im „Real-Life“ nahe kommt, aber nicht zwingend gleich ist.

  7. Danke Sascha für die Literaturhinweise!

    (Thiedke, Udo: Virtuelle Gruppen). Blättert mal hier auf Seite 27. Es wird behauptet, das Anonymität und Pseudonymität die Überschreitung sozialer Grenzen begünstigt.

    Diesen Abschnitt finde ich sehr interessant. Zwei Punkte sind mir besonders aufgefallen; Zum einen die Annahme, dass die scheinbare Anonymität nicht nur zu einem veränderten Kommunikationsverhalten führt, sondern dass auch ganz andere Benutzertypen aktiv werden.
    Zum anderen ist m.E. die Aussage ebenso interessant, dass das veränderte Kommunikationsverhalten auch auf die relative Folgenlosigkeit, z.B. eines Abbruchs der Kommunikation, zurückzuführen ist. Im Umkehrschluss könnte man also davon ausgehen, dass das Verhalten bedachter bzw. angepasster wird, je enger der User in die Gemeinschaft eingebunden ist und damit der Faktor „Folgenlosigkeit“ signifikant kleiner wird. Wobei der Effekt des Vertrauten vermutlich dem wieder entgegenstehen würde. Spannend… 😉

  8. Das scheint mir logisch zu sein, schließlich wirken in Communities Gruppenprozesse wie im RL auch. Je größer die Gruppenzugehörigkeit, um so mehr passt sich das einzelne Mitglied natürlich an die Gruppe an…

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